Anforderungen an eine inklusionsorientierte Diversitätspolitik in der Schule – Zum unnormalen Umgang mit der Normalität!

Zuwanderungsgeprägte Gesellschaften zeichnen sich durch eine starke sozio-kulturelle, ethnische und religiöse Pluralisierung aus. Dadurch stellen sie die gängigen Konzepte und Vorstellungen, was die Nation ist, wer mit “wir” gemeint ist und für wen der Staat und seine Kerninstitutionen – wie bspw. die Schule – primär da sind, radikal in Frage. Während diese Vielfalt und Multikulturalität schon längst faktische Normalität geworden ist, ist der Umgang damit alles andere als normal. Denn Organisationen wie auch Menschen tendieren zu einer Reproduktion von Selbstähnlichkeit, in dem das Neue bzw. Fremde systematisch in das “Nicht-dazu-Gehörige” kodiert und somit unterbeleuchtet bzw. marginalisiert wird.

Im Rahmen von Vorträgen, Beratungen und Beiträgen machen wir auf die damit verbundenen Herausforderungen und Problemstellungen aufmerksam und entwickeln Lösungsansätze, die hier thesenhaft vorgestellt werden.

Lehrerschaft und SchülerInnen verfremden sich zunehmend!

Es existiert eine Kluft zwischen einer markanten ethnisch, kulturell, sprachlich und sozialen Pluralisierung der SchülerInnen und einer vergleichsweise stark gebliebenen, homogeneren, “bildungsmittelschichtsgeprägten alt-österreichischen“ Lehrerschaft einher.  In dem die Kluft immer tiefer wird, wird die LehrerInnenschaft zunehmend unfähiger an die sozio-kulturellen Lebenswelten der Kinder anzuschließen, wodurch sie auch zunehmend unfähiger wird, mit den Anforderungen der Gegenwart und Zukunft umzugehen.

Die zunehmende Auslagerung der Bildungsarbeit an die Familien fördert die soziale Ungleichheit und reduziert sie nicht!

In den letzten Jahren findet eine zunehmende Auslagerung der Bildungsarbeit (wie z.B. Hausaufgaben, Übungen, Nacharbeiten etc.) an die Familien statt. Dies hat zur Folge, dass Kinder aus Familien der Bildungsmittelschichten (die meist auch Ein-Kind-Familien sind) hier besser reüssieren als Kinder aus bildungsschwachen Familien mit mehreren Kindern. Über die Einbindung der Eltern in die Bildungsarbeit wird nicht die Gleichheit der Bildungschancen gefördert, sondern die bildungsbezogene soziale Ungleichheit – in der bildungsstarke Familien gestärkt und bildungsschwache Familien geschwächt werden. Somit zählen weniger die Potenziale der Kinder als vielmehr der Bildungsbackground der Eltern. Dies dürfte auch einen der zentralen Gründe darstellen, warum Pisa-Studien Österreichs regelmäßig starke soziale Vererbungen der Bildungschancen attestieren.

Aus den aufgeführten Gründen muss die inklusionsorientierte Diverstätskompetenz in den Schulen gefördert werden. Dafür sollen fünf Punkte hervorgehoben werden:

  1. Wichtig wäre ein individualisierter Unterricht in kleineren Klassen und/oder Teamteaching, in welchem auf die Fähigkeiten und Schwächen jedes Kindes eingegangen werden kann. Denn jedes Kind ist anders “anders”.
  1. Es gibt kaum ein Berufsfeld, in welchem die Beziehungsqualität eine so hohe Rolle spielt, wie im Bereich der Pädagogik. Denn Kinder, die ihre LehrerInnen nicht schätzen/mögen, lernen deutlich weniger! Obwohl der Sozial- und Beziehungskompetenz der Lehrenden in ihrer täglichen Arbeit eine so zentrale Rolle zukommt, ist diese sowohl in der Aus- und Fortbildung wie auch im öffentlichen Diskurs noch deutlich unterbeleuchtet.
  1. Die Beziehungsqualität muss  auch über eine diversere LehrerInnenschaft, welche der Vielfalt des Klassenzimmers entspricht, gestützt und somit der Verfremdung zwischen den Lehrenden,  SchülerInnen und auch Eltern entgegengewirkt werden.
  1. In der Schule ist weniger “Interkulturelle Kompetenz” als vielmehr ein “sozio-kulturelles Kontextwissen” gefragt. Denn eine allzu starke Fixierung auf  kulturelle Faktoren läuft Gefahr, die vielschichtigen Wirkungszusammenhänge zwischen sozialen und kulturellen Faktoren, in denen sich SchülerInnen individuell bewegen, zu übersehen. Dabei bedarf es einer interessierten, reflexiven Haltung, die um die hybriden, sozialen und kulturellen Lebenswelten der SchülerInnen Bescheid weiß, ohne diese festzuschreiben. Dies beinhaltet auch die hinterfragende Beobachtung und Veränderung eigener Deutungs-, Erklärungs- und Behandlungsmuster.
  1. Last but not least: All dies ist im Rahmen des Konzeptes der Ganztagesschule gedachtin welcher der Bildungsauftrag in der Schule bleibt und nicht über Hausaufgaben an die Eltern abgewälzt wird. Hier kann der sozialen Vererbung der Bildungschancen am effektivsten entgegengewirkt werden.
Projekte:
  • Fachbeirat Interkulturelles Lernen | Bundesministerium für Bildung | 2017
  • Kommission zur Evaluierung der islamischen Schulen | Bundesministerium für Bildung | 2016
  • Wiss. Begleitung der Studie „Hebel kompensatorischer Bildung“ | Industriellenvereinigung Österreich | 2010 – 2012
  • Diverse Workshops, Beratungen und Vorträge im In- und Ausland